Freiheit
Sein Glas fällt zu Boden und zerbricht in tausend Stücke. Seine Hand ist plötzlich kraftlos, sein Mund trocken und pelzig. Wie mechanisch steht er auf und geht auf die Tür zu. Er macht sich nicht die Mühe, seine Schuhe anzuziehen auch seine Jacke lässt er unberührt am Hacken hängen. Er streckt bereits die Hand nach der Klinke aus, als sie zu realisieren beginnt, was sie getan hat. Verunsichert und entsetzt steht sie auf. Sie zuckt nicht einmal, als die Scherben am Boden ihre Nackten Füße durchbohren. Alles was sie jetzt noch spürt ist Angst. Angst, diesmal endgültig zu weit gegangen zu sein. "B-bitte geh nicht. Hey! Bitte bleib hier!" Er dreht sich nicht einmal um, öffnet nur schweigend die Tür und verlässt die Wohnung. Ohne auch nur nachzudenken folgt sie ihm, ihre Beine von der panischen Angst beschleunigt, ihn zu verlieren. So leicht vergisst sie, wie empfindlich er ist. Es war nur ein unbedachter Kommentar gewesen, wie immer. Und doch, so wurde ihr mit drückender Gewissheit klar, hatte er seine Gefühle unendlich schwer verletzt. Schwerer als es ein Mensch ertragen kann. Sie versucht ihn aufzuhalten, an der Schulter zu packen, herum zu reißen. Doch er reagiert nicht einmal auf ihre kraftlosen Bemühungen. Sein Blick ist starr, seine Bewegungen präzise und wie automatisch. Wäre es heller Tag, wären die Leute wohl stehen geblieben, hätten sich die beiden Verrücken ansehen wollen, die da ohne Schuhe oder Jacken über die Straße gingen. Doch es ist schon spät und niemand sieht die beiden vorüber gehen. Sie gibt es auf, mit him zu reden, geht dazu über ihn am Arm zu zerren. Mit aller Kraft versucht sie, ihn festzuhalten. Doch wieder bleiben ihre Anstrengungen vergebens. Sie erreichen die Brücke, jene Brücke auf der er schon so oft gestanden haben muss. Weit unter ihnen durchzieht Nebel das Tal, lässt die Umrisse der Bäume verschwimmen. Als hätte er mittlerweile einfach Übung, erklimmt er das Geländer, die Augen auf den Abgrund vor ihm gerichtet. Verzweiflung überkommt sie. Was kann sie noch tun? Sie weiß, dass er in dieser Verfassung auf nichts reagieren wird was sie tut, und doch kann sie nicht tatenlos dastehen, während er jeden Moment sein Leben beenden könnte. Ihre Arme schließen sich mit aller Kraft um ihn, sie versucht hin festzuhalten. Doch er beachtet sie nicht einmal mehr, tut einen weiteren Schritt. Dieser Schritt endet in der Luft, er findet keinen Halt. Mit letzter Konsequenz stößt er sich ab, reißt sie einfach mit, als er sein Leben beendet. Für einen Moment fühlt sie sich fast erleichtert, sie merkt, dass es sie weniger schmerzt, mit ihm zu sterben, als ohne ihn zu leben. Dann fühlt sie nichts mehr, ihr Bewusstsein schwindet und ist schließlich gänzlich fort.
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