Erwartungen
Hoffnungsvoll blickt sie durchs Fenster der sich nähernden Gestalt entgegen. Denn Weihnachten ist das Fest der Liebe, und mehr als einmal hat er durch liebevolle, gut durchdachte Geschenke bewiesen, wie sehr er sie liebt. Doch jedes Mal kam ein weiterer Einbruch danach, Zweifel an seiner Treue, daran, ob er sie überhaupt noch liebt. Oft schon hat sie mit dem Gedanken gespielt, ihn zu verlassen, und einmal hat nur ein solch wunderschönes Geschenk sie davon abgehalten. Obwohl sie ihn innig liebt, weiß sie, dass sie sich nicht das Herz an ihm zerbrechen will, nur weil er andere Frauen ihr vorzieht. Und doch bleibt die Hoffnung darauf, dass er ihr das Gegenteil beweist. Wenn nicht, das hat sie sich klar vorgenommen, wird sie es beenden, hier und heute. Als es klingelt, fliegt sie förmlich zur Tür, um ihn herein zu lassen. Er setzt die Kiste mit den Präsenten auf dem bereits mit anderen Geschenken gefüllten Boden des Wohnzimmers, gibt ihr einen kurzen Kuss, wendet sich schließlich ihren Eltern und ihrem Bruder zu. Er öffnet seine Kiste, drei Geschenke kommen zum Vorschein. Verwundert runzelt sie die Stirn. Nie war er ohne ein Geschenk für auch nur einen der vier aufgetaucht. Mit seinen üblichen Scherzen überreicht er ihrem Bruder sein Geschenk, wie immer in liebevoller, selbst gemachter Verpackung. Auch ihren Eltern gibt er je ein wunderschön gestaltetes, individuelles Paket. Schließlich greift er wortlos erneut in die Kiste, und ihr Geschenk, das vierte, kommt zum Vorschein. Etwas kleines, unter den anderen Päckchen nicht zu sehen gewesen. Er legt es vor sie auf den Tisch, und sie realisiert zu ihrem großen Erstaunen, dass es lediglich ein Stück Servierte ohne jede Verzierung ist, anders als die schönen, lebhaften, durchdachten Verpackungen. Ohne ihren Blick zu beachten, wendet er sich wieder in Richtung ihres Bruders, und bittet ihn heraus, um eine Zigarette zu rauchen.
In ihrer Enttäuschung fällt ihr nicht einmal auf, dass er noch nie geraucht hat. Unwirsch mustert sie das trostlose "Geschenk" vor ihr. Sie will eigentlich gar nicht wissen, was es ist, denn egal, wie wertvoll oder schön es auch sein mag, seine Phantasielosigkeit würde jeden estethischen oder finanziellen Wert zu nichte machen. Das ist das Ende, er hat sich sein eigenes Grab geschaufelt. Sobald er wiederkommt, wird sie es ihm mitteilen. Ohne zu wissen, warum, greift sie trotzdem nach dem Päckchen und öffnet die nicht einmal geklebte Servietten-Verpackung. Als sie den Inhalt erblickt, vergisst sie für einen Moment das Atmen. Es ist ein Ring, Gold und Platin mit einem funkelnden Diamanten. So verblüfft ist sie, dass sie nicht merkt, wie er den Raum wieder betritt, sich langsam vor sie kniet. Als sie letztendlich doch noch aufblickt, und ihn vor ihr knien sieht, wird die Verwunderung auf ihrem Gesicht zu Fassungslosigkeit. "Weißt du, ich konnte für mich einfach kein gutes Papier finden. Aber dennoch möchte ich mich dir schenken. Möchtest du mich Heiraten?" Vor lauter Freude und bei weitem übertroffenen Hoffnungen kann sie das "Ja" kaum laut aussprechen.
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